Herzerkrankungen gehören zu den häufigsten Todesursachen bei Katzen. Das Tückische daran: Viele Katzen zeigen über Monate oder Jahre keinerlei Symptome. Wenn die ersten Anzeichen sichtbar werden, ist die Erkrankung oft weit fortgeschritten. Trotzdem gibt es Möglichkeiten, betroffene Katzen zu behandeln und ihnen eine gute Lebensqualität zu erhalten.
Herzerkrankungen im Überblick
Die meisten Herzerkrankungen bei Katzen betreffen den Herzmuskel selbst. Tiermediziner fassen sie unter dem Begriff Kardiomyopathie zusammen. Anders als beim Menschen spielen verstopfte Herzkranzgefäße bei Katzen praktisch keine Rolle. Stattdessen verändert sich die Struktur des Herzmuskels so, dass das Herz nicht mehr effizient pumpen kann.
Drei Formen kommen am häufigsten vor:
- Hypertrophe Kardiomyopathie (HCM): Der Herzmuskel verdickt sich. Mit Abstand die häufigste Form bei Katzen, verantwortlich für rund 60 bis 70 % aller Fälle.
- Dilatative Kardiomyopathie (DCM): Der Herzmuskel wird dünn und schlaff, die Herzkammern weiten sich. Seit der Anreicherung von Katzenfutter mit Taurin in den 1980er-Jahren ist DCM deutlich seltener geworden.
- Restriktive Kardiomyopathie (RCM): Narbengewebe macht den Herzmuskel steif. Das Herz kann sich nicht mehr richtig mit Blut füllen. RCM ist seltener und schwieriger zu behandeln als HCM.
Daneben gibt es angeborene Herzfehler wie Klappenmissbildungen oder Septumdefekte. Diese sind bei Katzen aber vergleichsweise selten und werden hier nicht im Detail behandelt.
HCM: Die häufigste Herzerkrankung im Detail
Bei der hypertrophen Kardiomyopathie verdickt sich die Wand der linken Herzkammer. Der verdickte Muskel lässt weniger Raum für Blut in der Kammer, und die Wand verliert an Elastizität. Das Herz kann sich nicht mehr ausreichend mit Blut füllen. In der Folge staut sich Blut in den Vorhöfen und schließlich in der Lunge zurück.
Genetische Veranlagung
HCM hat bei vielen Katzen eine genetische Komponente. Bei Maine Coon ist eine Mutation im MYBPC3-Gen nachgewiesen, die zu verdickten Herzwänden führt. Auch Ragdoll tragen eine verwandte Mutation. Britisch Kurzhaar, Perser, Sphynx und Bengalen gelten ebenfalls als Rassen mit erhöhtem Risiko.
Aber HCM betrifft nicht nur Rassekatzen. Auch ganz gewöhnliche Hauskatzen erkranken regelmäßig. Bei ihnen ist die genetische Grundlage weniger erforscht, aber vermutlich ähnlich relevant. Kater erkranken häufiger als weibliche Tiere und zeigen in der Regel einen schwereren Verlauf.
Schleichender Verlauf
Das Herz kompensiert die Verdickung über Monate oder Jahre. Die Katze zeigt nach außen keine Probleme. Erst wenn die Kompensationsmechanismen erschöpft sind, treten Symptome auf. Viele Katzen leben jahrelang mit einer leichten HCM, ohne dass ihre Halter etwas bemerken. Manche sterben sogar plötzlich an einem Herzversagen, ohne dass es vorher ein einziges Warnsignal gab.
Symptome: Woran erkennst du ein Herzproblem?
Katzen sind Meister darin, Schwäche zu verbergen. Ein Verhalten, das evolutionär sinnvoll ist (ein krankes Raubtier wird zur Beute), macht die Früherkennung von Herzerkrankungen extrem schwierig.
Verändertes Aktivitätsniveau
Die Katze wird ruhiger. Sie spielt weniger, springt nicht mehr auf den Kratzbaum und zieht sich häufiger zurück. Viele Halter schieben das auf das Alter. Bei einer Katze unter zehn Jahren sollte auffällige Trägheit aber immer ein Anlass sein, genauer hinzuschauen.
Schnellere oder auffällige Atmung
Ein gesunde Katze atmet in Ruhe 20 bis 30 Mal pro Minute. Zähle die Atemzüge deiner schlafenden Katze: Liegt die Frequenz dauerhaft über 30, kann das auf eine Flüssigkeitsansammlung in der Lunge hindeuten (Lungenödem oder Pleuraerguss). Die Katze atmet dann flacher und schneller, manchmal mit sichtbarer Bauchatmung.
Maulatmung
Katzen atmen normalerweise durch die Nase. Wenn eine Katze mit offenem Maul hechelt (ohne dass sie gerade gespielt hat oder Stress ausgesetzt war), ist das ein Notfallzeichen. Maulatmung bei Katzen ist immer ein Grund für den sofortigen Tierarztbesuch.
Hinterhandlähmung: Aortenthromboembolie
Eines der dramatischsten Symptome einer Herzerkrankung bei Katzen ist die plötzliche Lähmung der Hinterbeine. In einem erkrankten Herzen bilden sich leichter Blutgerinnsel. Löst sich ein solches Gerinnsel, wandert es durch die Aorta und bleibt häufig an der Aufzweigung in die Hinterbeinarterien stecken (sogenannter „Sattelthrombus").
Die Katze schreit vor Schmerz, kann die Hinterbeine nicht mehr bewegen, und die Pfoten fühlen sich kalt an. Die betroffenen Krallen sind bläulich statt rosa. Das ist ein absoluter Notfall. Ohne Behandlung innerhalb weniger Stunden drohen schwere Gewebeschäden. Manche Katzen erholen sich nach Behandlung erstaunlich gut, für andere endet die Thromboembolie leider tödlich.
Plötzlicher Tod
In manchen Fällen gibt es gar keine Vorwarnung. Vor allem jüngere Katzen mit schwerer HCM können an plötzlichen Herzrhythmusstörungen sterben. So belastend das für Halter ist: Es zeigt, warum Vorsorgeuntersuchungen so wichtig sind.
Diagnose: Wie stellt der Tierarzt eine Herzerkrankung fest?
Herzultraschall (Echokardiographie)
Die Echokardiographie ist der Goldstandard. Mit dem Ultraschall kann der Tierarzt die Dicke der Herzwände messen, die Größe der Herzkammern beurteilen und beobachten, wie sich das Herz zusammenzieht. Eine Wanddicke ab 6 mm gilt bei Katzen als verdächtig, ab 6,5 mm spricht man von HCM. Der Ultraschall zeigt auch, ob sich Flüssigkeit im Herzbeutel oder in der Lunge angesammelt hat.
Nicht jeder Tierarzt hat die Erfahrung für eine gründliche Herzultraschalluntersuchung. Bei Verdacht auf eine Herzerkrankung lohnt sich die Überweisung an einen Kardiologen oder eine Tierklinik mit kardiologischem Schwerpunkt.
NT-proBNP-Bluttest
Dieser Bluttest misst ein Peptid, das der Herzmuskel bei Überlastung ausschüttet. Ein erhöhter NT-proBNP-Wert deutet darauf hin, dass das Herz unter Stress steht. Der Test eignet sich als Screening, etwa bei einem Routinecheck oder vor einer Narkose. Er ersetzt den Herzultraschall nicht, kann aber helfen, Katzen zu identifizieren, die eine genauere Untersuchung brauchen.
Röntgen
Röntgenaufnahmen des Brustkorbs zeigen, ob das Herz vergrößert ist und ob sich Flüssigkeit in der Lunge oder im Brustfell befindet. Für die genaue Beurteilung der Herzstruktur ist Röntgen allein nicht ausreichend, aber es liefert wichtige Zusatzinformationen, besonders bei akuter Atemnot.
EKG
Ein Elektrokardiogramm erkennt Herzrhythmusstörungen. Bei HCM-Katzen sind Arrhythmien häufig. Ein normales EKG schließt eine Herzerkrankung allerdings nicht aus, da viele betroffene Katzen einen unauffälligen Herzrhythmus haben.
Behandlung: Was kann man tun?
Eine Heilung für HCM gibt es nicht. Die Therapie zielt darauf ab, das Herz zu entlasten, Symptome zu kontrollieren und Komplikationen wie Thromboembolien vorzubeugen.
Medikamente
Je nach Schwere und Form der Erkrankung kommen verschiedene Medikamentengruppen zum Einsatz:
ACE-Hemmer (z. B. Benazepril) erweitern die Blutgefäße und senken den Blutdruck. Das Herz muss gegen weniger Widerstand pumpen. Ob ACE-Hemmer bei Katzen mit HCM tatsächlich das Überleben verlängern, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. In der Praxis werden sie trotzdem häufig eingesetzt.
Betablocker (z. B. Atenolol) verlangsamen den Herzschlag und geben dem Herzen mehr Zeit, sich mit Blut zu füllen. Bei Katzen mit deutlich verdicktem Herzmuskel und erhöhter Herzfrequenz sind sie oft die erste Wahl.
Entwässerungsmedikamente (Diuretika) wie Furosemid sind unverzichtbar, wenn sich Flüssigkeit in der Lunge angesammelt hat. Sie wirken schnell und können lebensrettend sein. Die Dosierung muss sorgfältig überwacht werden, da zu starke Entwässerung die Nieren belasten kann.
Blutverdünner (z. B. Clopidogrel) sollen die Bildung von Blutgerinnseln verhindern und damit das Risiko einer Thromboembolie senken. Bei Katzen, die bereits einen Thrombus hatten, ist die lebenslange Gabe von Clopidogrel Standard. Ob eine vorbeugende Gabe bei allen HCM-Katzen sinnvoll ist, wird unter Tiermedizinern diskutiert.
Medikamente geben: oft einfacher als gedacht
Die meisten Herzmedikamente für Katzen gibt es als kleine Tabletten. Manche Katzen nehmen sie problemlos im Leckerli versteckt, bei anderen hilft ein Tabletteneingeber. In spezialisierten Apotheken lassen sich Medikamente auch als Paste mit Geschmack (z. B. Lachs oder Huhn) anrühren. Das erleichtert die tägliche Gabe erheblich.
Prognose und Lebensqualität
Die Prognose variiert stark. Katzen mit milder HCM, die zufällig bei einer Routineuntersuchung entdeckt wird, können noch viele Jahre ein normales Leben führen. Manche entwickeln nie Symptome. Katzen mit fortgeschrittener HCM und Herzinsuffizienz haben eine deutlich eingeschränkte Lebenserwartung: Studien zeigen mediane Überlebenszeiten von ein bis zwei Jahren nach dem Auftreten von Symptomen.
Nach einer Thromboembolie ist die Prognose am schlechtesten. Viele dieser Katzen überleben die akute Phase nicht, und das Rückfallrisiko ist hoch. Dennoch gibt es Katzen, die sich nach einer Thromboembolie erholen und mit Medikamenten noch Monate oder sogar Jahre leben.
Lebensqualität lässt sich gut beobachten. Frisst die Katze mit Appetit? Schnurrt sie? Sucht sie Kontakt? Putzt sie sich? Solange diese Verhaltensweisen vorhanden sind, ist die Lebensqualität in den meisten Fällen gut. Wenn die Katze dauerhaft apathisch wird, nicht mehr frisst oder wiederholt Atemnot hat, ist es Zeit für ein offenes Gespräch mit dem Tierarzt über die weitere Perspektive.
Vorbeugung: Was du tun kannst
Genetisches Screening für Züchter
Für Maine Coon und Ragdoll gibt es Gentests auf die bekannten HCM-Mutationen. Seriöse Züchter lassen ihre Zuchttiere testen und schließen Träger von den betroffenen Mutationen aus der Zucht aus. Ein negativer Gentest garantiert allerdings nicht, dass die Katze keine HCM entwickelt: Es gibt Mutationen, die noch nicht identifiziert sind.
Wenn du eine Rassekatze kaufen möchtest, frag den Züchter nach den HCM-Testergebnissen der Elterntiere. Seriöse Züchter zeigen diese Ergebnisse unaufgefordert.
Regelmäßige Vorsorge
Ab einem Alter von etwa sieben Jahren empfehlen viele Tierärzte jährliche Gesundheitschecks mit Abhören des Herzens. Ein Herzgeräusch ist zwar nicht bei jeder Katze mit HCM vorhanden, aber wenn eines hörbar ist, liefert es einen wichtigen Hinweis. Bei Rassen mit bekanntem Risiko kann ein Herzultraschall alle ein bis zwei Jahre sinnvoll sein, auch ohne Symptome.
Der NT-proBNP-Bluttest lässt sich unkompliziert in eine Routineblutuntersuchung integrieren. Er ist kein perfekter Screening-Test, aber ein erhöhter Wert ist ein guter Grund für weiterführende Diagnostik.
Gesundes Gewicht halten
Übergewicht belastet das Herz-Kreislauf-System. Eine Katze auf Idealgewicht zu halten, ist eine der einfachsten und wirksamsten Maßnahmen für ein gesundes Herz. Das gilt besonders für reine Wohnungskatzen, die zu wenig Bewegung bekommen. Interaktives Spielen und ein anregendes Umfeld helfen, das Gewicht zu kontrollieren.
Stressreduktion
Chronischer Stress ist kein direkter Auslöser von HCM, kann aber bei herzkranken Katzen Symptome verschlimmern und im schlimmsten Fall eine akute Dekompensation auslösen. Ein ruhiges, vorhersehbares Umfeld mit genügend Rückzugsmöglichkeiten ist für herzkranke Katzen besonders wichtig.
Wann sofort zum Tierarzt?
Manche Situationen dulden keinen Aufschub. Wenn deine Katze plötzlich mit offenem Maul atmet, die Hinterbeine nicht mehr bewegen kann, zusammenbricht oder blasse bis bläuliche Schleimhäute zeigt, ruf sofort die nächste Tierklinik an. Bei einer akuten Thromboembolie oder einem Lungenödem zählt jede Minute.
Auch schleichende Veränderungen wie zunehmende Trägheit, häufigeres Ruhen an ungewöhnlichen Orten oder eine dauerhaft erhöhte Atemfrequenz in Ruhe solltest du nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ein frühzeitiger Tierarztbesuch kann den Unterschied machen zwischen einer gut kontrollierbaren Erkrankung und einer Notfallsituation.
Häufige Fragen
Welche Herzerkrankung ist bei Katzen am häufigsten?
Die hypertrophe Kardiomyopathie (HCM) ist die häufigste Herzerkrankung bei Katzen. Die Herzmuskelwand verdickt sich, das Herz kann weniger Blut aufnehmen und pumpen. Bestimmte Rassen wie Maine Coon, Ragdoll und Britisch Kurzhaar sind genetisch stärker gefährdet.
Wie merke ich, dass meine Katze Herzprobleme hat?
Herzerkrankungen bleiben oft lange unbemerkt. Erste Anzeichen: schnellere Atmung in Ruhe, Kurzatmigkeit, Schwäche der Hinterbeine (Aortenthrombose), Leistungsabfall, Ohnmacht. Ein regelmäßiger Check beim Tierarzt mit Herzauskultation und Ultraschall kann die Erkrankung früh aufdecken.
Kann eine herzerkrankte Katze normal leben?
Viele herzerkrankte Katzen leben jahrelang mit Medikamenten gut. Die Prognose hängt von der Schwere und dem Typ der Erkrankung ab. Katzen im frühen Stadium ohne Symptome können jahre- oder jahrzehntelang stabil bleiben. Im fortgeschrittenen Stadium kann Herzversagen eine schwere Einschränkung bedeuten.
Welche Rassen sind anfälliger für HCM?
Maine Coon (Genmutation MYBPC3), Ragdoll (andere MYBPC3-Variante), Britisch Kurzhaar, Sphynx und Persische Katzen haben erhöhte HCM-Risiken. Bei diesen Rassen empfiehlt sich ein Echokardiogramm als regelmäßige Kontrolluntersuchung.



